

Prof. Dr. Michael Beuthner erläutert im Interview:
Die digitalen Transformationsprozesse und insbesondere die Künstliche Intelligenz verändern die Medienbranche in rasantem Tempo. Automatisierte Inhalte, KI-gestützte Recherche, personalisierte Newsfeeds oder neue Formen der Content-Produktion prägen bereits heute den Arbeitsalltag in Redaktionen und Kommunikationsabteilungen. Doch welche Auswirkungen hat diese Entwicklung tatsächlich auf den Journalismus? Welche Kompetenzen werden künftig gefragt sein – und welche Rolle spielt der Mensch in einer zunehmend digitalisierten Medienwelt? Im Interview spricht Prof. Dr. Michael Beuthner über Chancen, Herausforderungen und die Zukunft des Journalismus.
Herr Prof. Dr. Beuthner, Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der meistdiskutierten Themen in den Medien. Wie stark verändert sie den Journalismus tatsächlich?
Michael Beuthner: Das Wort „tatsächlich“ lässt vermuten, dass es so etwas wie die „vorgetäuschte“ Veränderung gibt. Das ist einerseits dem KI-Hype und andererseits einer Panikmache zu verdanken. Pragmatisch betrachtet hat KI natürlich einen Effekt auf den Journalismus. KI verändert aber nicht die Grundwerte professionellen Journalismus und ersetzt ihn erst recht nicht, sondern unterstützt bestimmte Arbeitsprozesse und ermöglicht neue Formate und Visualisierungen. Redaktionen müssen ihr Arbeitsumfeld darauf anpassen, damit KI sicher und gezielt als Tool einsetzbar wird. Das betrifft Workflows, integrative Arbeitsmaterialien und Fortbildungen für entsprechende Skillsets.

Welche Veränderungen beobachten Sie derzeit besonders deutlich im journalistischen Alltag?
Michael Beuthner: In den bereits vorhandenen und zahlreichen Anwendungsbereichen: In der Zusammenstellung von Nachrichten, der Kuration personalisierter News, der Zusammenfassung von Artikeln, die in Social-Media-Feeds und Newslettern zum Einsatz kommen. In der automatisierten Erstellung von Texten oder Textvarianten in leicht verständlicher Sprache oder in Fremdsprachen übersetzt, in Content-as-a-Service-Systemen, in denen Beiträge für verschiedene Kommunikationskanäle bereitgestellt werden, in Rechercheaufgaben (u. a. Faktenchecks) und SEO-Checks, im Scannen von Nachrichtenlagen, dem Text-Mining und in der Ableitung und der Zusammenstellung von Themen. Selbstredend natürlich auch in der Veränderung von vorhandenen oder der Erstellung von komplett KI-generierten Fotos oder Videos. Text-to-Video macht es möglich, Geschriebenes mittels KI-Avatar als Video zu präsentieren. KI markiert z. B. auch Archivmaterial automatisch und kann auf Grundlage des Nachrichtentextes passende Bilder oder Videos zur Verfügung stellen. Das alles macht Arbeitsprozesse zunächst effektiver und eröffnet neue Angebotsmodelle.
Gibt es Entwicklungen, die Sie vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätten?
Michael Beuthner: Ich hätte die Geschwindigkeit der Entwicklung von Optionen so nicht erwartet. Wie schnell die Option da war, auch Fotos, Videos oder sogar Kunstwerke durch KI generieren zu lassen, und das in immer besserer Qualität. Und dass heute KI-generierte Moderationsavatare Nachrichtentexte in Echtzeit sprechen können, das hatte ich in der Kürze der Zeit nicht erwartet. Zugleich hätte ich nicht gedacht, dass viele Menschen in der Gesellschaft so rasch der Bequemlichkeit des Prompts verfallen und aufhören, selbst zu recherchieren und zu denken … und auf das „digitale Kokain“ reinfallen, das süchtig nach dem Trivialen, dem „Slop“ macht. Dass Unternehmen überall dort, wo es möglich ist, KI einsetzen werden, um effizienter zu wirtschaften und den Leistungsdruck weiter zu erhöhen, damit habe ich allerdings sehr wohl gerechnet. In gewisser Weise wiederholt sich hier die Geschichte der Einführung des Computers – nur in einer neuen Dimension.
Viele Menschen haben Sorge, dass KI kreative Berufe verdrängen könnte. Teilen Sie diese Einschätzung?
Michael Beuthner: Die Berufe, die vor allem auf wiederkehrenden Regeln, standardisierten Analysen oder klar definierten Routinen basieren, sind aus meiner Sicht deutlich stärker von Automatisierung betroffen. Sorgen sind grundsätzlich nachvollziehbar – sie sollten aber nicht auf Halbwissen beruhen oder den tatsächlichen Entwicklungen vorauseilen. Die Agentur für Arbeit bietet mit dem Job-Futuromat ein Orientierungstool, das zeigt, welcher Anteil einzelner Tätigkeiten eines Berufs theoretisch automatisierbar ist. Für den Journalismus werden dort beispielsweise rund 40 Prozent genannt, für Designer:innen sogar deutlich höhere Werte. Solche Zahlen werden jedoch häufig missverstanden: Sie bedeuten nicht, dass ganze Berufe verschwinden. Ohne die notwendige Einordnung können sie gerade junge Menschen verunsichern, die sich für die Kreativbranche interessieren. KI sollte deshalb als Werkzeug verstanden und bewusst eingesetzt werden. Entscheidend ist das richtige Mindset – Chancen zu nutzen, ohne die Risiken auszublenden. Größere Sorgen als die KI selbst bereiten mir derzeit die zunehmenden kommunalen Einsparungen in Kultur, Medien und öffentlichen Haushalten.
Wo sehen Sie die größten Chancen, die KI für Journalist:innen bietet?
Michael Beuthner: Ein kluges Werkzeug zu sein, um einzelne Teile und Prozesse journalistischer Arbeit zu optimieren. Eine Art Booster für Ideen, nicht deren Ersatz.

Wo bleibt der Mensch unverzichtbar?
Michael Beuthner: Zum Beispiel beim Rausgehen! Die KI kann kein Reporter sein, der nach draußen geht und mit seinen Sinnen die Welt beobachtet. Die KI kann (bisher) nur bedingt Sachverhalte einordnen, interpretieren. Kommentieren erst recht nicht, dazu bräuchte die KI eine Meinung und valide Argumente und Informationen. Sie ist noch zu halluzinativ und fehlerbehaftet und manchmal mit fragwürdigen Daten trainiert. Vor allem ist KI nicht intuitiv, kann in bestimmten Situationen – wie in Krisen- oder Gefahrensituationen – nicht annähernd so reagieren wie der Mensch. Und emotional intelligent ist sie auch nicht – zumindest in meinem Verständnis. KI ist immer nur die Imitation von etwas, basiert immer nur auf berechneten Wahrscheinlichkeiten, auf bereits vorhandenen Informationen, nicht auf jenen, die mit allen menschlichen Sinnen im Augenblick des Beobachtens und eigenen Erfahrungsmomenten neu entstehen.
Welche Risiken bringt die Entwicklung mit sich – etwa im Hinblick auf Desinformation, Deepfakes oder die Glaubwürdigkeit von Medien?
Michael Beuthner: Das hat ja nur mittelbar mit dem Journalismus zu tun, er muss die Fakes oder Desinformationen ja korrigieren. Der Journalismus ist aber nicht die Verifikationsinstanz für all den Müll und all die Lügen oder KI-generierten (Un-)Wahrheiten in den Sozialen Medien. In den wichtigen Themenfeldern, die der Journalismus ohnehin abarbeitet, ist er zunehmend jedoch dabei, eine Faktenprüfung zu machen und auf Fakes hinzuweisen. Paradox ist aber, dass es beim Faktencheck spezifische KI als Tool braucht, um mittels KI hergestellte Manipulationen oder Fakes überhaupt noch erkennen zu können, weil die Lüge immer perfekter lügt.

Werden Themen wie Medienkompetenz und Fact-Checking in Zukunft noch wichtiger?
Michael Beuthner: Ja, journalistische Kernkompetenzen sollten sogar zu einer Art Allgemeinbildung werden, die in den Schulen im Fach Medienkompetenz vermittelt werden. Der Kollege Prof. Dr. Bernhard Pörksen fordert zum Beispiel seit Langem eine Art „redaktionelle Gesellschaft“, um uns mit den Kenntnissen des guten Journalismus resilienter zu machen gegen die Lügen, Desinformationen und Verführungen der Plattformökonomie.
Welche neuen Berufsbilder entstehen derzeit durch die Digitalisierung und den Einsatz von KI?
Michael Beuthner: Im Journalismus – keine. Skills sind für die oben genannten Anwendungen erlernbar. KI verändert aber Teamarbeit mit anderen Arbeitsbereichen: Redakteure arbeiten zukünftig mehr mit Data- und Social Media Analysts und Prompt-Engineers zusammen. Lange vor der KI sind allerdings Berufsbilder wie Social-Media-Redakteure entstanden und im Online-Journalismus mussten Kompetenzen erlernt werden, die mit Hypertextualität, transmedialem Storytelling und neuen Geschäftsmodellen zu tun hatten. Ich würde deshalb eher von erweiterten Berufsbildern sprechen, nicht von ganz neuen.
Welche Fähigkeiten werden Berufseinsteiger:innen künftig besonders benötigen?
Michael Beuthner: Zunächst die alten: Gute Recherchearbeit, journalistisches Fach- und Sachwissen wie die Beherrschung der Text- und Darstellungsformen, der Interviewführung und zur fundierten Kommentierung, Kritik, Interpretation und Einordnung, ein gutes Netzwerk und gute Quellen. Im Journalismus werden die Krisenberichterstattung und der Datenjournalismus noch mehr zu Schnittstellenkompetenzen, die in jedem Ressort benötigt werden. Vor allem Rechtsgrundlagen sind zunehmend relevant. Neben geltenden Vorgaben für Datenschutz arbeitet die EU an expliziten Richtlinien für KI-Systeme, Datenschutz, Plattformregulierung etc. (u. a. AI-Act).

Verändert sich dadurch auch das Selbstverständnis von Journalist:innen und Kommunikationsprofis?
Michael Beuthner: Nein, das glaube ich nicht. Das grundlegende Rollenverständnis, ein Beobachter der Welt und der Geschehnisse zu sein, Informationen zu sammeln, zu prüfen und klug aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen, um den Menschen eine Orientierung zu bieten und Meinungsbildung zu ermöglichen, die wiederum ein Grundpfeiler der freien Demokratie ist – das verändert KI nicht. Und der Grund ist einfach: Es geht um eine moralisch, ethische, an Recht und Verantwortung, an berufsbedingte Professionsstandards und Qualitätsmaßstäbe und an persönliche Charaktereigenschaften gegründete Geisteshaltung! Und diese Mischung ist durch einen Algorithmus nicht imitierbar.
Wie könnte der Journalismus durch KI in zehn Jahren aussehen?
Michael Beuthner: Die Effekte und KI-Einsatzfelder im Journalismus hatte ich ja bereits benannt. Deshalb hier eine etwas summarischere Antwort: Digitalisierung und KI reformieren den Journalismus, führen aber nicht zu einer ihn ersetzenden Revolution. Denn interessant ist für mich die Frage, welchen Journalismus unsere Gesellschaft in der Zukunft haben will bzw. welche durch KI ermöglichten Angebote sie akzeptieren wird? Ich denke, die Menschen werden den Wert des guten Journalismus auch weiterhin erkennen und auch einfordern. Die Corona-Pandemie, die Krisen und Kriege und die nicht vorhandene Pressefreiheit in autokratisch geführten Ländern unterstreichen dessen Notwendigkeit mit maximal fettem Strich.
Glauben Sie, dass KI eher ein Werkzeug oder ein echter Mitgestalter kreativer Prozesse wird?
Michael Beuthner: Meines Erachtens ist die KI beschränkt kreativ, je nachdem, was man darunter verstehen will oder wie man sie definiert. Ein vielfältiges Werkzeug unterstützt fast immer Kreativität, weil es Ideen ermöglicht. Schade fände ich, wenn wir den kreativen Prozess an sich an die KI abgeben, also kreativ-faul werden und nur noch das Prompten für kreativ halten und uns beliefern lassen. Im Alltag sehe ich das bereits, da empfinde ich KI eher als Kreativitätskiller.

Sie lehren den Bereich Journalismus bereits seit vielen Jahren. Wie bereitet Ihr Studiengang an der SRH University Studierende auf die veränderten Anforderungen in Medien und Kommunikation vor?
Michael Beuthner: Im Studiengang Management der Kreativwirtschaft an der SRH University gehören wir zu den ersten Programmen, die gezielt auf digitale Transformationsprozesse und den Einsatz von KI reagieren und das Curriculum entsprechend weiterentwickelt haben. Im Bezug auf die Spezialisierungsmodule für die journalistische Ausbildung gibt es u. a. extra Themenfelder wie „Datenjournalismus und KI“, „Digitale Recherche und Redaktionsmanagement“ oder das „Future Development Lab“, in dem wir die Transformationsprozesse im Journalismus genau betrachten. Aber ich möchte hier nochmals betonen, dass es in der Ausbildung eher um etwas Wesentlicheres gehen muss, als möglichst viel KI einzubinden. Denn das (technisch-)handwerkliche Können muss auf einem intellektuellen Können und jener Haltung im Sinne eines „Wollens“, einer „Attitude“ basieren – über die ich bereits bei der Frage nach dem Selbstverständnis sprach. Und dazu kommt dann natürlich noch das fachliche und das thematische (Ressort-)Wissen. Diesen Dreiklang muss ein Studienangebot bieten bzw. bedienen. Ich hoffe darüber hinaus, dass wir in Zukunft noch ein Masterprogramm für Journalismus anbieten können, der zukunftsorientiert Genanntes leistet.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für Medien, Kommunikation und Journalismus begeistern, gleichzeitig aber unsicher sind, wie sich die Branche weiterentwickelt?
Michael Beuthner: Entdeckt den Journalismus für euch neu, erkennt seine Relevanz in Zeiten, in der KI unser Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit auf die Probe stellt und wir von AI-Slop, Desinformationen, Propaganda und Fakes zunehmend überflutet werden. KI wird im Journalismus nur als ein Tool eingesetzt, um Arbeitsprozesse zu verbessern, effektiver zu machen. Uns allen muss bewusst sein, dass die großen Tech-Unternehmen der Plattform- und Social-Media-Welten nicht nur immer mehr unser Kommunikationsverhalten prägen, sondern nicht immer Gutes im Sinn haben und am Ende sogar gegen Freiheit und Demokratie sind bzw. sie gefährden. Professioneller Journalismus ist also nicht nur einer der schönsten, sondern auch ein wichtiger, systemrelevanter Beruf.
Vielen Dank für das Gespräch!