

Darum geht's im Interview:
Prof. Dr. Wolfram Schottler von der BaWIG ruft zu echter Spezialisierung im Pflegebereich auf. Ein an der SRH University neu entwickelter Studiengang soll bessere Perspektiven für Pflegekräfte ermöglichen.
Pflege gilt als einer der wichtigsten Berufe unserer Gesellschaft. Warum wird ihre Bedeutung Ihrer Meinung nach trotzdem oft unterschätzt?
Wolfram Schottler: Die Pflegeberufe befinden sich seit vielen Jahren in einer kontroversen Diskussion. In Deutschland wird Pflege häufig nur aus der Perspektive der sozialen Pflegeversicherung nach dem SGB XI betrachtet, also im Kontext der Versorgung pflegebedürftiger, älterer Menschen. Dadurch geraten andere Bereiche, insbesondere die Krankenhauspflege nach dem SGB V sowie spezialisierte Versorgungsfelder in den Hintergrund. Eine strikte Trennung zwischen ärztlichen und pflegerischen Tätigkeiten mit wenig Handlungsspielraum ist ein weiterer Grund. Die Rolle der Pflegenden wird im Gesamtsystem weniger sichtbar und damit geht dann auch eine geringere Wertschätzung einher.

Wegen des Mangels an Pflegepersonal wurde in den letzten Jahren vieles versucht, um das Berufsfeld attraktiver zu machen. Kann man sagen, dass man im Berufsfeld der Pflege einfach zu wenig verdient?
Wolfram Schottler: Auch diese Diskussion gibt es seit vielen Jahren. Von Seiten der Politik wird dann immer von den „armen Krankenschwestern“ gesprochen, die viel zu wenig verdienen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass der Pflegebereich mittlerweile im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen durchaus sehr solide vergütet ist. Natürlich würde jeder gerne mehr verdienen. Hier ist es aber nicht einfach nur mit Geld zu lösen. Das Berufsfeld der Pflege muss vor allem auch inhaltlich attraktiver werden. Es fehlt an Entwicklungsmöglichkeiten und an einer stärkeren fachlichen Differenzierung innerhalb der Pflege. Das, was mit dem Pflegekompetenzgesetz hätte versucht werden sollen, ist leider das Papier nicht wert, auf dem es steht.
Wie beurteilen Sie die Chancen für Deutschland, vermehrt Pflegepersonal aus dem Ausland zu rekrutieren?
Wolfram Schottler: Man muss sagen, dass Deutschland, was die Kompetenzstrukturen in der Pflege und der Pflegeausbildung angeht, im internationalen Vergleich erheblich hinterherhinkt. Auch dieses Problem lässt sich nicht nur durch finanzielle Anreize lösen. In den meisten Ländern ist die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Gesundheitsfachberufen und Pflege komplett anders organisiert als in Deutschland: Die Menschen, die viel Fachwissen haben und in ihren Heimatländern mehr medizinische Verantwortung tragen durften, sind frustriert, wenn sie dann nach Deutschland kommen und viele Dinge plötzlich nicht mehr tun dürfen.
Was müsste man Ihrer Meinung nach verändern?
Wolfram Schottler: Die Pflege braucht wie schon gesagt mehr Kompetenzen und Verantwortlichkeiten im Berufsalltag. Entscheidend ist außerdem eine Weiterentwicklung der Akademisierung, wie sie auch im Rahmen der gesetzlichen Reformen zur Pflegeausbildung, etwa durch das Pflegeberufegesetz (PflBG), angestoßen wurde. Diese Akademisierung darf jedoch nicht nur formal erfolgen, sondern muss mit konkreten beruflichen Rollen und Aufgaben verbunden sein. Studiengänge müssen so gestaltet werden, dass sie in die Versorgungspraxis überführbar sind.
Warum denken Sie, dass sich in der Vergangenheit noch viel zu wenige Menschen für ein Studium der Pflege entschieden haben?
Wolfram Schottler: Es hat für viele einfach keinen Sinn ergeben. Nach dem Studium fanden sie im deutschen Gesundheitswesen die gleichen Bedingungen vor wie zuvor. Entsprechend scheuten viele den Aufwand. Auch staatliche Mittel ändern daran wenig: Es fehlen Perspektiven, Entwicklungsmöglichkeiten und neue Aufgaben. Zwar eröffnete ein Abschluss den Weg in Leitungsfunktionen, jedoch mit mehr Verantwortung und Risiken aber ohne spürbar bessere Bedingungen. Für viele bedeutete Aufstieg zudem den Wechsel weg vom Patienten hin zum Schreibtisch, während Entwicklungsmöglichkeiten in der direkten Versorgung kaum vorhanden waren.
Was wäre die Lösung?
Wolfram Schottler: Man muss etwas inhaltlich ändern. Den Leuten, die jetzt eine Ausbildung machen, werden Jobs zwar auf dem Silbertablett serviert, ohne, dass sie sich groß bewerben müssen. Aber was kommt danach? Für viele ist das eine Sackgasse. Und deswegen sind wir jetzt einen anderen Weg gegangen und haben gesagt, wir müssen die entscheidende Perspektive finden für die Auflösung der von vielen Pflegekräften empfundenen Perspektivlosigkeit. Also die Akademisierung wirklich attraktiver machen. Dazu braucht es vor allem Spezialisierungsmöglichkeiten. Die gesetzlichen Ansätze zur Akademisierung, etwa im Pflegeberufegesetz und in ergänzenden hochschulrechtlichen Regelungen der Länder müssen stärker in konkrete berufliche Rollen überführt werden.
Welche zusätzlichen Kompetenzen erwerben Studierende also im Vergleich zur klassischen Ausbildung?
Wolfram Schottler: Im Studium entwickeln Pflegekräfte analytische und reflektierte Kompetenzen. Sie lernen, komplexe medizinische Zusammenhänge zu verstehen, einzuordnen und dadurch fundierter zu entscheiden. Gerade in Bereichen wie Intensivpflege oder Pädiatrie reicht praktische Erfahrung nicht aus, um sicher zu handeln. Kenntnisse über Krankheitsverläufe, Organfunktionen oder Entwicklungsprozesse müssen erweitert werden.

Von welchen Spezialisierungen sprechen Sie?
Wolfram Schottler: Besonders wichtig sind aktuell die Atmungstherapie sowie die pädiatrische Pflege. Beide Bereiche sind hochkomplex und gewinnen angesichts der demografischen und medizinischen Entwicklungen zunehmend an Bedeutung. In der Atmungstherapie geht es um kritisch kranke, beatmete Patientinnen und Patienten, bei denen schnelle und fundierte Entscheidungen entscheidend sind. In der pädiatrischen Pflege spielen entwicklungsbezogene Besonderheiten eine große Rolle. Deshalb setzen wir in unserem neuen Studiengang, den wir gerade mit der SRH University in Fürth gestartet haben, exakt auf diese Richtungen.
Was bieten Sie hier konkret an?
Wolfram Schottler: Wir bieten spezialisierte, berufsbegleitende Studiengänge in diesen Bereichen an. Ziel ist es, Pflegekräfte so zu qualifizieren, dass sie erweiterte Aufgaben direkt in der Patientenversorgung übernehmen können. Dabei entsteht ein erweitertes Kompetenzprofil zwischen klassischer Pflege und ärztlicher Tätigkeit, mit Eigenverantwortung im klinischen Alltag.
Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz von klassischen Studiengängen wie Pflegemanagement oder Pflegepädagogik?
Wolfram Schottler: Der Unterschied ist die klare Ausrichtung auf die direkte Patientenversorgung. Während klassische Studiengänge eher in Richtung Management oder Lehre führen, bleibt der Fokus hier bewusst im klinischen Bereich.
Welche beruflichen Perspektiven ergeben sich daraus?
Wolfram Schottler: Durch die Spezialisierung entstehen neue Rollen innerhalb der Versorgung. Pflegekräfte können stärker in diagnostische und therapeutische Prozesse eingebunden werden. Darüber hinaus ergeben sich viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Gesundheitssystems sowie perspektivisch auch selbstständige Tätigkeiten im Rahmen der bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten.
Das Ziel muss sein, Pflegekräfte für erweiterte Aufgaben, fachliche Führung in der medizinischen Patientenversorgung in Krankenhäusern und der außerklinischen Intensivpflege zu qualifizieren und ihnen mehr Eigenverantwortung in der Zusammenarbeit mit den Ärzten oder auch Selbständigkeit in einem Therapieberuf zu ermöglichen.
Wie ist das Studium aufgebaut und für wen ist es geeignet?
Wolfram Schottler: Das Studium ist berufsbegleitend organisiert, dauert zwei Jahre und findet in Blockphasen statt. Es richtet sich an Pflegekräfte, die sich fachlich weiterentwickeln und zusätzliche Verantwortung übernehmen möchten, ohne ihre berufliche Tätigkeit zu unterbrechen. Unser Anliegen ist es, dass die Menschen Beruf, Familie und Studium optimal vereinbaren können. Geeignet ist das Studium für alle, die bereits Berufserfahrung haben und ihre Rolle im Gesundheitswesen weiterentwickeln möchten.

Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich für die Pflege interessieren?
Wolfram Schottler: Eine gute Entscheidung und mit Garantie ein sinnstiftendes und zukunftsfähiges Berufsfeld! Zunächst ist eine fundierte Ausbildung wichtig, um den Beruf und die Strukturen des Gesundheitswesens zu verstehen. Wer darüber hinaus den Wunsch hat, sich fachlich zu vertiefen und mehr Verantwortung zu übernehmen, dem rate ich unbedingt zu einem Studium. Wenn man etwas aus seinem Leben machen möchte und die Zeit im Beruf nicht nur absitzen – und ich gehe davon aus, dass das grundsätzlich bei allen so ist – würde ich jedem zu diesem Weg raten.
Vielen Dank für das Gespräch!