

Musikproduzent Mitch Dörfler erläutert im Gespräch mit Prof. Robert Lingnau:
Künstliche Intelligenz komponiert Songs in wenigen Sekunden, Streaming hat die Musikbranche grundlegend verändert und neue Technologien entwickeln sich schneller denn je. Was bedeutet das für Menschen, die Musik professionell produzieren oder in der Kreativwirtschaft arbeiten möchten?
Welche Kompetenzen werden künftig wirklich gefragt sein? Reicht technisches Know-how oder bleiben Kreativität, musikalisches Verständnis und Teamfähigkeit die entscheidenden Erfolgsfaktoren?
Robert Lingnau: Technologien entwickeln sich heute rasant. Künstliche Intelligenz, immersive Audioformate oder ständig neue Produktionssoftware verändern den Berufsalltag. Wie erlebst du diese Entwicklung?
Mitch Dörfler: Ich empfinde sie vor allem als Chance. Neue Technologien gehören für mich ganz selbstverständlich zum kreativen Prozess. Ich probiere gern neue Plugins, Software oder Workflows aus und schaue, welche Möglichkeiten sie eröffnen. Diese Neugier sorgt dafür, dass Lernen gar nicht wie Lernen wirkt – sondern einfach Teil meines Berufs ist.
Robert Lingnau: Gerade Einsteiger fühlen sich von dieser Vielfalt häufig überfordert. Wo sollte man anfangen?
Mitch Dörfler: Bei den Grundlagen. Die Versuchung ist groß, sich sofort auf die neuesten Tools oder spektakuläre Effekte zu konzentrieren. Nachhaltige Qualität entsteht aber durch ein solides Fundament. Wer versteht, wie Musik, Klang und Produktion grundsätzlich funktionieren, kann neue Technologien viel schneller einordnen und sinnvoll einsetzen. Ein Studium hilft genau dabei. Es vermittelt nicht nur Fachwissen, sondern gibt Orientierung. Gerade weil Informationen heute überall verfügbar sind, braucht es Menschen, die helfen, Prioritäten zu setzen und einen strukturierten Lernweg zu entwickeln.

Robert Lingnau: Unternehmen sprechen heute häufig weniger über Softwarekenntnisse als über Persönlichkeit. Teilst du diese Beobachtung?
Mitch Dörfler: Absolut. Natürlich muss man sein Handwerk beherrschen. Aber danach zählen vor allem Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und eine professionelle Arbeitsweise. Die besten Produktionen entstehen selten allein. Im Studio arbeitet man oft viele Stunden eng zusammen. Deshalb möchten Produzenten mit Menschen arbeiten, auf die sie sich verlassen können und mit denen die Zusammenarbeit funktioniert. Talent ist wichtig – aber ohne Verlässlichkeit bringt es einen nicht weit.
Robert Lingnau: Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Wird sie kreative Berufe grundlegend verändern?
Mitch Dörfler: Sie verändert sie bereits. Routineaufgaben werden zunehmend automatisiert. Für funktionale Musik oder erste Ideen liefert KI heute erstaunlich gute Ergebnisse. Sobald jedoch Emotionen, persönliche Entscheidungen oder kreative Feinheiten gefragt sind, stoßen diese Systeme an ihre Grenzen. Genau dort beginnt menschliche Kreativität. Ich glaube deshalb nicht, dass Kreative verschwinden. Im Gegenteil: Wirklich originelle Ideen werden künftig noch wertvoller sein.
Robert Lingnau: Welche Fähigkeiten sollten Studierende heute entwickeln?
Mitch Dörfler: Vor allem neugierig bleiben. Veränderungen nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance. Gleichzeitig sollte man die Grundlagen beherrschen und lernen, im Team zu arbeiten. Technologien werden sich während einer gesamten Karriere immer wieder verändern. Wer gelernt hat, Probleme kreativ zu lösen, selbstständig zu recherchieren und gemeinsam Projekte umzusetzen, wird sich auch in Zukunft erfolgreich weiterentwickeln können.
Robert Lingnau: Viele Einsteiger möchten möglichst schnell mit den neuesten Plugins oder spektakulären Produktionstechniken arbeiten. Welchen Rat gibst du ihnen?
Mitch Dörfler: Konzentriert euch zuerst auf die Grundlagen. Musikproduktion besteht aus vielen einfachen Bausteinen, die zusammenspielen. Erst wenn dieses Fundament sitzt, ergeben komplexe Werkzeuge wirklich Sinn. Vor Kurzem fragte mich der Sohn eines Freundes nach einem Tipp für sein Gitarrenspiel. Er spielte beeindruckende Soli, aber ich habe ihm geraten, zunächst Timing und Groove zu trainieren. Wenn ich Musiker für eine Produktion auswähle, sind genau diese Grundlagen entscheidend – nicht das spektakulärste Solo.
Robert Lingnau: Das erinnert mich ans Kochen. Viele möchten sofort anspruchsvolle Gerichte zubereiten, dabei ist ein perfektes Rührei oft die größere Herausforderung.
Mitch Dörfler: Genau. Man kann Entwicklungsschritte kaum überspringen. Erst lernt man die Grundlagen, dann wird man kreativ und irgendwann entwickelt man ein Gespür dafür, welche Emotion eine Produktion transportieren soll. Jeder dieser Schritte baut auf dem vorherigen auf.
✔ Beherrsche zuerst die Grundlagen – nicht die neuesten Plugins.
✔ Timing, Groove und musikalisches Verständnis schlagen spektakuläre Effekte.
✔ Entwicklung braucht Zeit – Abkürzungen gibt es selten.
Robert Lingnau: Welche Eigenschaften machen aus guten Musikern erfolgreiche Profis?
Mitch Dörfler: Talent ist wichtig – aber es reicht nicht. Ich kenne viele außergewöhnlich gute Musiker. Manche sind allerdings nur dann großartig, wenn sie gerade in der richtigen Stimmung sind. So funktioniert die professionelle Musikbranche nicht. Wer langfristig erfolgreich sein möchte, muss zuverlässig sein. Auftraggeber müssen sich darauf verlassen können, dass Termine eingehalten werden und die Zusammenarbeit funktioniert. Mindestens genauso wichtig ist der Umgang mit anderen Menschen. Im Studio verbringt man oft viele Stunden miteinander. Deshalb möchten Produzenten mit Menschen arbeiten, die professionell auftreten und mit denen die Zusammenarbeit einfach Freude macht.

Robert Lingnau: Viele Berufseinsteiger fühlen sich unsicher, wenn sie plötzlich mit bekannten Künstlern oder erfahrenen Produzenten zusammenarbeiten. Wie kann man Selbstvertrauen entwickeln?
Mitch Dörfler: Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben. Natürlich ist es etwas Besonderes, mit erfolgreichen Künstlerinnen oder Künstlern zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig bringt es nichts, sich kleiner zu machen oder ständig zu betonen, wie beeindruckt man ist. Auf der anderen Seite sollte man auch nicht überheblich auftreten. Wer gut vorbereitet ist und seinen Beruf beherrscht, darf selbstbewusst sein. Die beste Grundlage ist deshalb immer gute Arbeit – kombiniert mit einer natürlichen, respektvollen Haltung.
Robert Lingnau: Als ich angefangen habe, habe ich zunächst ohne Bezahlung arrangiert, um Referenzen zu sammeln. Daraus entstand der erste bezahlte Auftrag, später der nächste. Ich habe meine Karriere immer wie einen Baum gesehen: Aus einem Projekt entstehen neue Kontakte und neue Möglichkeiten. Wie funktioniert dieser Einstieg heute?
Mitch Dörfler: Früher schickte man Demo-Tapes an Plattenfirmen oder Labels. Heute sind Plattformen wie SoundCloud, YouTube oder Instagram wichtige Schaufenster für die eigene Arbeit. Die Möglichkeiten sind größer geworden – gleichzeitig muss man dauerhaft sichtbar bleiben und kontinuierlich neue Projekte zeigen.
Robert Lingnau: Die Digitalisierung hat nicht nur verändert, wie Musik veröffentlicht wird – sondern auch, womit Künstler und Produzent ihr Geld verdienen. Was hat sich aus deiner Sicht am stärksten verändert?
Mitch Dörfler: Früher produzierte man ein Album, das anschließend verkauft wurde. Heute ist das Album oft Teil einer größeren Strategie. Die Musik ist nicht mehr das einzige Produkt. Sie stärkt vor allem die Marke einer Künstlerin oder eines Künstlers. Früher waren Beteiligungen an Albumverkäufen für Produzenten besonders interessant. Heute entstehen Einnahmen häufig über Konzerte, Merchandising oder andere Geschäftsbereiche. Das hat auch meine Arbeit als Produzent verändert.
Während früher möglichst viele Verkäufe am Veröffentlichungstag entscheidend waren, geht es heute darum, langfristig sichtbar zu bleiben. Neue Songs, Remixe oder kurze Videos sorgen dafür, dass Künstler:innen regelmäßig mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben. Erfolg entsteht heute oft Schritt für Schritt – weniger durch einen einzigen großen Moment als durch kontinuierliche Präsenz.
Was bedeutet das für Studierende?
Die Musikbranche bietet heute mehr Möglichkeiten als je zuvor. Gleichzeitig verändern sich Technologien, Geschäftsmodelle und Berufsbilder kontinuierlich. Wer langfristig erfolgreich sein möchte, braucht deshalb mehr als technisches Know-how. Entscheidend sind solide Grundlagen, Eigeninitiative, Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke und die Bereitschaft, sich immer wieder auf neue Entwicklungen einzulassen. Ein praxisorientiertes Studium schafft dafür die Basis. Es vermittelt nicht nur fachliche Kompetenzen in Musikproduktion, Audio Engineering oder Audio Design. Studierende arbeiten außerdem projektorientiert, sammeln Praxiserfahrung und bauen frühzeitig ein Netzwerk auf – wichtige Voraussetzungen für den späteren Berufseinstieg.