

Darum geht’s:
Gruppenarbeiten in den unterschiedlichsten Formen sind an Hochschulen nicht mehr wegzudenken. Oft stoßen sie bei Studierenden jedoch auf wenig Begeisterung. Zunächst aber ist klar: Alles hat zwei Seiten und je nach Perspektive – ob aus Studierenden- oder Professor:innen-Sicht – haben Gruppenarbeiten jeweils andere Vorteile und Nachteile.
In diesem Artikel zeigen wir, warum sich Gruppenarbeiten im Studium lohnen können und wie eine gute Zusammenarbeit im Team gelingt.
✨ Wenn wir im Folgenden von einer Gruppenarbeit sprechen, kann es sich um einen kurzen informellen Austausch, eine gemeinsame Erarbeitung innerhalb einer Vorlesung oder auch um ein gesamtes Gruppen-Modul über mehrere Wochen hinweg handeln.
Aus Sicht der Lehrenden haben Gruppenarbeiten viele Vorteile:
Natürlich gibt es auch aus Sicht der Lehrenden Nachteile:
Oft löst die Ankündigung einer Gruppenarbeit nicht gerade Begeisterung aus – doch warum?
Vermutlich ist es in vielen Fällen die Autonomie, welche in einer Gruppenarbeit gleich doppelt eingeschränkt sein kann – zum einen hättest du vielleicht lieber alleine an der Aufgabe gearbeitet, zum anderen gilt es, sich in der Gruppe abzustimmen und Kompromisse einzugehen. Hinzu kommt die Befürchtung, durch andere „ausgebremst“ zu werden.
Vielleicht ist es auch das Gefühl, „raus aus der Komfortzone“ zu müssen, wenn du dir den Arbeitsplatz im Seminarraum bereits mit Kaffeebecher, Laptop und Rucksack gemütlich eingerichtet hat: Dann gilt es aufzustehen, sich mit anderen – vielleicht unbekannten Kommiliton:innen – zusammenzufinden, abzustimmen und miteinander auf die Inhalte zu verständigen. Das ist Arbeit!

Was Studierende an Gruppenarbeiten als Lernmethode schätzen: Neben dem Bedürfnis nach Kompetenz und Autonomie haben Menschen (laut Deci & Ryan) das Grundbedürfnis nach sozialer Eingebundenheit und Zugehörigkeit. Daher kann es durchaus positiv sein, in Gruppenarbeiten mit anderen in Kontakt zu kommen, neue Kommiliton:innen kennen- und vielleicht auch schätzen zu lernen oder sich etwas von ihnen abschauen zu können.
Carol Dweck hat zu unterschiedlichen Mindsets geforscht und zwei Typen identifiziert: Das sogenannte „Growth Mindest“ und das „Fixed Mindset“.
Mit dem Growth Mindset (für Kinder als „Bubble Gum Brain“ veranschaulicht) gehst du davon aus, dass Lernen möglich ist und harte Arbeit sich lohnt. Wenn du etwas noch nicht kannst (Betonung liegt auf NOCH nicht), dann strengst du dich an und übst es, bis du es kannst.
Mit einem Fixed Mindset allerdings (für Kinder in der Metapher eines „Brick Brain“ dargestellt) gehst du davon aus, dass es Talent gibt und du etwas kannst oder eben nicht. Statistik liegt dir nicht? Dann brauchst du dich gar nicht erst zu bemühen, vermeidest die Beschäftigung damit und schiebst ein schlechtes Klausurergebnis eher auf die schweren Aufgaben oder eine ungerechte Benotung.
✨ Das Mindset entscheidet bei Gruppenarbeiten darüber, wie sich die Studierenden aufeinander einlassen, ob sie sich anstrengen und ob – bzw. was – sie aus der Aufgabe lernen. Die wesentliche Annahme beim Growth Mindset ist nämlich: Wenn es anstrengend wird, lernen wir etwas Neues! Also – bei Schwierigkeiten nicht gleich aufgeben, sondern erst recht aktiv mitmachen!

Auch wenn sich die Lehrenden bemühen, einen möglichst klaren Arbeitsauftrag zu formulieren (idealerweise schriftlich auf Folie oder in den Unterlagen), ist es zusätzlich wichtig, in der Gruppe zu klären, was jede:r Einzelne darunter versteht. Haben alle die gleiche Auffassung davon, was zu tun ist und welches Ergebnis die Gruppe erarbeiten soll? Manchmal hilft ein Handyfoto von der PowerPoint-Präsentation mit dem Arbeitsauftrag, damit keine Teilaufgabe und kein Hinweis vergessen wird (z. B. Quellen ausweisen? Ups, wir haben halt gegoogelt…).
Eine sinnvolle Regel für gute Gruppenarbeiten ist es, bei längeren Aufträgen zu Beginn offen zu legen, wer wann wie viel Zeit einbringen kann. Ein laut ausgesprochenes Commitment ist mehr wert als ein bei sich gedachter guter Vorsatz. So zeigt sich vielleicht auch, dass nicht alle gleich viel investieren können. Dazu braucht es frühzeitig Absprachen, damit nicht hinterher alle frustriert sind.
Selbst bei Gruppenarbeiten von nur 15 bis 45 Minuten lohnt sich schon eine kurze Rollenverteilung zu Beginn. In einer Minute lässt sich klären, wer Zeitwächter:in ist und die Uhr im Blick hat, wer Ideen und Ergebnisse mitschreibt und in Schaubildern visualisiert – digital oder auf Flip Chart – und ob ggf. jemand als Advocatus Diaboli (wörtlich Anwalt des Teufels) kritisch hinterfragt und Ergebnisse abklopft, ohne destruktiv zu sein.
Bei längeren Gruppenarbeiten kann man sich Kreativitätstechniken zunutze machen wie beispielsweise die „Walt-Disney-Technik“. Hier werden Ideen und Konzepte mit den Rollen „Träumer“, „Macher/Realist“ und „Kritiker“ bearbeitet und konkretisiert. Nach deBono sind es sechs farbige „Denkhüte“, die für unterschiedliche Qualitäten stehen (z. B. strukturiertes, analytisches, emotionales, kritisches, optimistisches und kreatives Denken).
✨ Natürlich gibt es auch wissenschaftlich fundierte Rollenmodelle in der Zusammenarbeit, die auf persönlichkeitsbedingten Unterschieden basieren (z. B. nach Belbin oder Riemann-Thomann). Zudem kann es bei längerer Zusammenarbeit in einem Projekt interessant sein, sich über unterschiedliche Arbeitsstile zu verständigen und die Stärken der Einzelnen gezielt zu nutzen.
Klar, die Hochschule soll zu kritischem Denken befähigen. Gleichwohl stehen wir uns mit unserer „Gehirn-Werkseinstellung“ mit Fokus auf Negatives oft selbst im Wege. Hilfreich ist daher ein bewusster Blick auf die Stärken: die eigenen Stärken, die der anderen sowie auf das bereits Erreichte.
Der erste Schritt ist es, die Wahrnehmung überhaupt erst auf das Positive zu lenken. Weil wir üblicherweise als Erstes auf das blicken, was schief läuft, stellen wir uns Positiv-Fragen:
Was uns an anderen nervt, fällt uns nämlich sofort auf!
✨Der nächste Schritt wäre es, das Positive dann auch auszusprechen – informell und ad hoc oder in einem geeigneten Rahmen. Schließlich wollen wir uns alle wertgeschätzt fühlen.
Feedback ist im agilen Arbeiten zwar fest institutionalisiert, im Hochschul-Alltag kommt es aber oft viel zu kurz. Es kann zwischendurch in der Gruppenarbeit („Oh, gute Idee!“, „Wichtige Frage“ oder „Danke für den Hinweis zur Zeit“) und natürlich am Schluss (zum Ergebnis und zum Prozess) gegeben werden.
Was im Projektmanagement vorgesehen ist, leider aber oft dem hektischen Tagesgeschäft geopfert wird, ist ein Projektabschluss (so wie es idealerweise auch einen Kick-off als Auftakt gibt). So kann es nach einer Gruppenarbeit im Rahmen eines 5-Wochen-Blocks durchaus schön sein, einen gemeinsamen Abschluss zu gestalten, gemeinsam Mittag zu essen oder sich nochmals abends zu treffen, wenn das Modul abgeschlossen ist.

Dabei ist Gelegenheit, Positives und Geleistetes zu würdigen und sich für einzelne Beiträge zu bedanken. Zum Beispiel in Form eines kurzen „Blitzlichts“ oder einer „Stärken-Dusche“: Hier sagt reihum jede:r kurz zu allen Beteiligten, was hilfreich war, was der:die Kommiliton:in gut kann oder was im Miteinander Spaß gemacht hat.
Zum Abschluss ist auch Platz, konstruktiv etwas rückzumelden, was vielleicht in der Zusammenarbeit anstrengend war. Dazu gehört natürlich, selbst zugänglich zu sein und sich aktiv Feedback von anderen einzuholen, um daraus lernen zu können – sowohl was du bereits gut kannst als auch, woran du in den Augen deiner Gruppenmitglieder noch arbeiten kannst.
Auch wenn du dir vielleicht weder die Gruppenarbeit selbst noch die anderen Mitglieder der Gruppe ausgesucht hättest, halte es einfach mal für möglich, dass es richtig gut werden kann.
Dein Mindset und deine Beiträge können wesentlich zum Erfolg der Gruppe beitragen. Und selbst wenn die Gruppe nicht super performt, kannst du mit Sicherheit etwas aus der Gruppenarbeit lernen und für dich mitnehmen.