

Im Interview erfährst du:
Von einer Klippe fallen, vor jemandem oder etwas auf der Flucht sein oder plötzlich in Unterwäsche in der Schule stehen – Alpträume kennt fast jeder. Doch woher kommen sie und was vermitteln sie uns? Wie können wir Einfluss nehmen? Hierzu wird viel geforscht. Im „Nightmare Symposium 3.0“ der SRH University wurden einige aktuelle Projekte vorgestellt. Dr. Jonas Mathes hat uns hierzu einige Fragen beantwortet.
Was fasziniert Sie persönlich an der Erforschung von Träumen und Alpträumen – und warum lohnt es sich, sich wissenschaftlich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Jonas Mathes: Mich fasziniert an den Träumen, dass sie uns zeigen, wozu unser Gehirn alles in der Lage ist. Es kann ganze Welten erschaffen, die wir vorher noch nie gesehen haben, kreative Lösungen für den Alltag finden und uns eine tiefere Erkenntnis über unser Innenleben geben. Träume sind eng mit unserer Lebensqualität verbunden, da sie Auskunft darüber geben, was uns gerade beschäftigt. Auch ist es wichtig, mehr über Alpträume zu wissen und Möglichkeiten zu finden, wie man ihnen entgegentreten und mit ihnen umgehen kann. Dies kann sich unter Umständen auch positiv auf unseren Umgang mit Problemen und Gefühlen und damit auf unser Wachleben auswirken.
Alpträume verstehen
Warum haben Menschen überhaupt Alpträume? Welche Ursachen können dahinterstecken und welche Rolle spielt Stress dabei?
Jonas Mathes: Es gibt verschiedene Gründe, die dafür sorgen, dass die Alptraumhäufigkeit ansteigt und sich die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht. Ganz allgemein gesagt erinnern sich manche Menschen häufiger an ihre Träume, andere dagegen nie. Menschen, die sich öfter an ihre Träume erinnern, haben nachweislich auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, Alpträume zu bekommen, aber das ist nicht der alleinige Grund. Stress und Ängste im Wachleben können eine große Rolle für Alpträume spielen. Besonders bei eher emotionalen Menschen können Alltagsbelastungen die Alptraumhäufigkeit stark erhöhen.
Ein anderer Faktor kann das Erleben eines Traumas sein, doch diese posttraumatischen Träume unterscheiden sich in ihrem Erleben und ihrer Intensität grundsätzlich von anderen, gewöhnlichen Alpträumen. Diese treten auch bei Kindern und Jugendlichen auf, weshalb sich Lisa DeMarni Cromer (Ph.D., University of Tulsa, USA) in ihrer aktuellen Studie gezielt mit dieser Thematik auseinandersetzt. Weiterhin kann auch das Einnehmen von Medikamenten das Traumleben stark beeinflussen.
Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem schlechten Traum und einem klinisch relevanten Albtraum – und ab wann sollte man sich Gedanken machen oder Hilfe suchen?
Jonas Mathes: Wo der Unterschied zwischen einem schlechten Traum und einem Alptraum liegt, ist schwer zu definieren. Nach wie vor ist man sich uneins, ob das Erwachen aus dem Traum ein festes Kriterium dafür ist, dass der Traum als Alptraum gilt, oder nicht. Es ist auch davon auszugehen, dass es keine feste Grenze gibt, sondern dass es sich eher um ein Kontinuum handelt.
Hilfe suchen sollte man sich dann, wenn der Leidensdruck darunter zu groß ist und er in die Funktionen des Alltags eingreift. Dies sollte individuell nach eigenem Ermessen entschieden werden. Eine mögliche Behandlungsmethode bei Alpträumen ist die Cognitive behavioral therapy for nightmares (CBT-N) (kognitive Verhaltenstherapie). Da diese jedoch nicht allzu weit verbreitet ist und vielen Therapeut:innen der Zugang dazu fehlt, hat Kristi Pruiksma (Ph.D. DBSM, University of Texas, San Antonio, USA) eine Website mit Seminaren dazu gebaut, welche (Stand September 2026) sogar kostenfrei zugänglich ist.
Warum fühlen sich manche Träume und Alpträume so real an, und warum können wir uns an manche Träume erinnern, während andere sofort verschwinden?
Jonas Mathes: Unser Gehirn und unser Bewusstsein sind im Schlaf nicht einfach „ausgeschaltet“ – sie arbeiten so ähnlich weiter wie im Wachleben auch. Der größte Unterschied zum Wachleben ist dagegen, dass der Körper während des Träumens nicht (bzw. weniger) wahrnimmt, was um uns gerade passiert. Aktiv ist das Gehirn aber dennoch. Die Erlebnisse und Emotionen, die wir während des Traumes erleben, sind daher dem Wachleben gar nicht so unähnlich, wie man es zunächst meinen könnte. Bizarre Inhalte treten vergleichsweise selten auf, bleiben aber besser in Erinnerung. Allgemein können wir emotionale Träume besser im Wachleben im Gedächtnis behalten. Jedoch ist zum Thema Traumerinnerung noch vieles unbekannt und es gibt dazu noch viel zu forschen.
Auswirkungen auf unser Leben
Welche Auswirkungen können häufige Alpträume auf unseren Alltag haben – und was passiert mit uns, wenn wir dauerhaft zu wenig oder schlecht schlafen?
Jonas Mathes: Vereinzelte Alpträume sind nichts, worüber man sich Sorgen machen muss, aber sollten diese regelmäßig auftreten, können sie großen Leidensdruck und einen Einschnitt in die Lebensqualität verursachen. Selbstverständlich hat das auch einen Einfluss auf die Schlafqualität, da man z. B. mit schlechtem Gefühl ins Bett geht und befürchtet, wieder einen Alptraum zu erleben. Chronischer Schlafmangel kann sich sowohl körperlich als auch geistig negativ auswirken: Konzentrationsprobleme, permanentes Unwohlsein, Müdigkeit und ständige Gereiztheit. Guter Schlaf ist im Grunde die billigste und effizienteste Medizin, die es gibt.
Warum ist Schlaf für unsere körperliche und psychische Gesundheit so wichtig, und was passiert eigentlich in unserem Gehirn, während wir schlafen?
Jonas Mathes: Während des Schlafes können sich Körper und Geist erholen. In der REM-Phase werden Gedächtnisinhalte konsolidiert und in der Tiefschlafphase regeneriert sich der Körper. Deswegen ist ausreichend Schlaf auf die Dauer für unsere Gesundheit unabdingbar.
Forschungsstand
Wie sieht die Forschung an Träumen und Alpträumen konkret aus – und welche Fragen sind noch unerforscht?
Jonas Mathes: Träume und Alpträume können nicht direkt gemessen werden, da wir beim Träumen niemandem in den Kopf hineinschauen können – wir sind darauf angewiesen, mit Berichten über die Traumerinnerungen zu arbeiten. Dies kann einmal durch Fragebögen geschehen oder auch mit schriftlichen Traumberichten oder Traumtagebüchern.
Unerforscht ist daher noch sehr vieles, da die empirische Traumforschung erst seit wenigen Jahrzehnten existiert. Wir wissen zwar, dass die Trauminhalte aus den Erinnerungen und Emotionen aus dem Wachleben stammen, aber nach welchen Kriterien und in welchem Verhältnis sie sich letztendlich zusammensetzen, weiß bisher niemand genau.