SRH University
Ein Mann mit Brille hält einen Basketball in der Hand, der direkt in die Kamera gerichtet ist.

Interview: Wie KI den Sport verändert

Lesedauer: 5 Min.
verfasst von Marie-Luise Unteutsch

Darum geht’s:

  • Wie Technologie das Sporterlebnis der Zukunft verändert
  • Was KI und Daten für Fans und Sportler:innen bedeuten
  • Wo Chancen der Digitalisierung enden und Risiken beginnen

Was wäre, wenn das Basketballspiel der Zukunft nicht erst mit dem Anpfiff beginnt? Daten, KI und digitale Technologien könnten schon bald verändern, wie Fans Spiele erleben und wie Sportler:innen trainieren und ihre Leistung verbessern. Doch wie viel Technologie braucht der Sport – und wo wird aus Innovation vielleicht Überforderung? Darüber haben wir mit Prof. Benjamin Zierock gesprochen und einen Blick auf den Basketball im Jahr 2030 geworfen. 🏀

 

Wenn wir einmal in die Zukunft schauen: Wie könnte ein Basketballspiel im Jahr 2030 aussehen? Was erleben die Fans, was heute noch nicht möglich ist?

Benjamin Zierock: Bis 2030 vergehen nur noch wenige Jahre. Wer in die NBA oder zu den europäischen Top-Clubs schaut, sieht rasch, wie sich der Spieltag verändert: Echtzeit-Videocapturing, KI-Streams und maßgeschneiderter Content gehören in der EuroLeague längst zum Standard. Die eigenen Plattformen der Liga knackten in der Regular Season nicht ohne Grund die Marke von 1,5 Milliarden Views.

Für Heidelberg bedeutet das: Der Spieltag beginnt künftig nicht erst am Einlass des SNP Domes und endet nicht mit dem Schlusspfiff. Es wird noch individueller. In der Halle bekommen Fans per AR-App Daten direkt aufs Feld geliefert – vom Shotchart bis zur Flugkurve des Balls. Und wer zu Hause bleibt, wählt per Multicam-Stream einfach die Perspektive von Spieler Paul Zipser.

Welche Rolle spielen dabei Daten und Künstliche Intelligenz?

Benjamin Zierock: Technisch läuft das meiste davon fast unsichtbar und geräuschlos im Hintergrund. Sensoren im Parkett oder Ball, Kameras und Ticketsysteme, alle liefern permanent Daten, die in Sekundenbruchteilen für die Regie und den Content aufbereitet werden.

Wird Technologie das klassische Live-Erlebnis ergänzen – oder irgendwann sogar ersetzen?

Benjamin Zierock: Ausgeschlossen! Kein Algorithmus ist menschlich! Am Ende ersetzt die Technik nicht den Kern der Sache: Wenn der Ball in den letzten Sekunden auf dem Ring tänzelt und der SNP Dome kocht, hilft kein Stream der Welt. Das Erleben vor Ort bleibt durch nichts zu ersetzen.

Ein Referent steht vor einem Publikum und präsentiert Informationen zu Mitgliedschaften, während eine Folie mit "29 Mio Mitgliedschaften" im Hintergrund sichtbar ist.
Prof. Benjamin Zierock auf der CCX Cloud Computing Conference 2026 in Heidelberg (Bild: Heidelberg iT / manuelemmefotografie für vogelitakademie.de)

Was erwarten jüngere Menschen heute von einem Sporterlebnis – insbesondere vor dem Hintergrund ihrer veränderten Mediengewohnheiten?

Benjamin Zierock: 40 Minuten lang starr auf ein Spielfeld zu schauen, reicht vielen jüngeren Fans schlicht nicht mehr. Wer mit Twitch, TikTok und Gaming aufwächst, ist kontinuierliches Feedback gewöhnt: Passiver Konsum wird schnell als zäh empfunden. Das jüngere Publikum möchte eingebunden werden, sei es durch Votings im Stream, Live-Statistiken auf dem Smartphone oder kurze, prägnante Clips für zwischendurch. Um diese Zielgruppe langfristig an den Sport zu binden, braucht es Interaktion statt reiner Berieselung.

Wo liegt dabei die Grenze? Wann wird aus einem spannenderen, interaktiveren Erlebnis eine Reizüberflutung?

Benjamin Zierock: Die Grenze ist erreicht, sobald die Technik nervt. Das Problem kennen wir aus Museen, von Konzerten oder aus dem Club: Überall halten Leute das Smartphone hoch und schauen lieber auf das Display als auf die Bühne. Wenn in der Halle am Ende alle nur noch mit gesenktem Kopf aufs Handy stieren und das eigentliche Spiel verpassen, haben wir etwas falsch gemacht. Ich habe da auch immer noch die Bilder von Influencern bei den US Open im Kopf, die mehr mit ihrer Insta-Story beschäftigt sind als mit dem Match.

 

Zur Person

Prof. Benjamin Zierock ist Professor für Design und Innovationsentwicklung an der SRH University und beschäftigt sich insbesondere mit den Themen Design, Innovation und digitale Transformation. Zuvor war er unter anderem als Creative Director tätig und leitete den Studiengang Digitale Transformation an der SRH.

Portraitfoto Benjamin Zierock

 

KI und Daten können nicht nur das Fanerlebnis verändern, sondern auch die sportliche Leistung beeinflussen. Welche Daten können z. B. beim Basketball erfasst werden? 

Benjamin Zierock: Mittlerweile wird so gut wie alles erfasst; heißt: Kameras unter dem Hallendach und Sensoren im Ball tracken Flugkurven, Dribblings und die Positionen aller zehn Spieler in Echtzeit. Im Training kommen smarte Wearables hinzu, die Herzfrequenz und Belastungswerte messen.

Was kann eine KI aus diesen Daten erkennen, was Trainer:innen mit bloßem Auge vielleicht nicht sehen? 

Benjamin Zierock: Ein erfahrener Coach sieht sofort, wenn einem Spieler im vierten Viertel die Kraft fehlt und der Freiwurf zum Airball wird. Ein Analysesystem erkennt solche Ermüdungsmuster allerdings schon ein paar Minuten vorher – etwa, wenn sich die Schrittlänge um wenige Zentimeter verkürzt oder der Fuß beim Landen leicht über die Außenkante abrollt.

Können Daten tatsächlich dabei helfen, Verletzungen vorherzusagen oder sogar zu verhindern? Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Benjamin Zierock: Ja, das klappt über sogenannte Predictive Analytics. Das System gleicht die aktuellen Belastungswerte mit alten Trainingsprotokollen, Schlafdaten und Verletzungsakten ab.

Wie verhindert man, dass aus hilfreichen Leistungsdaten eine permanente Überwachung von Sportler:innen wird?

Benjamin Zierock: Wir brauchen eine glasklare Trennwand zwischen dem, was auf dem Court passiert, und dem Privatleben der Athleten. Die Daten gehören primär dem Spieler, Punkt. 

Welche Risiken entstehen, wenn sensible Daten über Spieler:innen in falsche Hände geraten?

Benjamin Zierock: Wenn hochsensible Gesundheitsakten von Profis leaken, kann das Karrieren ruinieren, Verträge platzen lassen oder sogar Zündstoff für illegale Wettmärkte liefern. In der englischen Premier League gilt Spionage beim Gegner seit 2019 übrigens unter Strafe.

Wenn Sie an das Jahr 2030 denken: Was wird sich im Sport bis dahin vermutlich stärker verändern, als wir es heute erwarten – und was wird trotz aller Technologie genauso bleiben wie heute?

Benjamin Zierock: Die Rolle der Vereine wird sich weiter entwickeln. Sie sind regionaler Treffpunkt und bringen Technologie und Sportkultur zusammen.

Absolut unangetastet bleibt die Unberechenbarkeit des Sports. Kein System der Welt kann Teamchemie, Eigensinn oder diesen kurzen Moment des Wahnsinns berechnen, etwa wenn Niki Würzner zwei Sekunden vor dem Ende aus der Distanz abdrückt und der Ball ohne Ringberührung durchs Netz geht.

Autorin und Gesprächspartner

Marie-Luise Unteutsch

Marketing & Communications Manager

Portraitfoto Benjamin Zierock

Prof. Benjamin Zierock

Professor

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