

Darum geht’s im Interview:
Während seines Physiotherapie-Studiums an der SRH University konnte Anton Freiler eines für seine spätere Berufstätigkeit ausschließen: die Arbeit im Hausbesuch-Setting. Doch nach seinem Abschluss im März 2025 führte ihn sein Weg genau dorthin. Heute arbeitet er als Physiotherapeut in Wien. Was er an diesem Arbeitsumfeld schätzt und welche Pläne er für seine berufliche Zukunft hat, erzählt er im Interview. ✨
Erzähl doch mal, was machst du gerade und wie sieht dein beruflicher Alltag aus?
Anton: Ich arbeite als Physiotherapeut bei PHW – Physiotherapie Hausbesuche Wien und betreue eine breit gefächerte Patientenklientel im privaten Hausbesuch-Setting. Mein beruflicher Alltag ist flexibel und erfordert viel Eigenverantwortung: Über ein digitales Tool werden mir meine Patientinnen und Patienten zugeteilt, anschließend organisiere ich meine Wochenplanung selbstständig. Innerhalb meiner vereinbarten Wochenstunden entscheide ich, wann ich welche Termine wahrnehme.
Für eine Behandlung stehen mir in der Regel 45 bis 60 Minuten zur Verfügung. Die meisten Patientinnen und Patienten sehe ich einmal pro Woche, manche auch zwei- bis dreimal. Viele begleite ich über mehrere Verordnungen hinweg. Dadurch kann ich ihre Entwicklung über einen längeren Zeitraum verfolgen und Fortschritte gut erkennen, was meine Arbeit besonders bereichert.
Die selbstständige Zeiteinteilung ermöglicht es mir außerdem, meinen Alltag gut zu organisieren und Raum für berufliche Weiterbildungen, eigene Projekte und den Aufbau einer selbstständigen Tätigkeit zu schaffen.
Was macht deine Branche so spannend für dich?
Anton: Mich fasziniert an der Physiotherapie das hohe Maß an Individualität. Kein Mensch ist wie der andere. Auch bei derselben Diagnose muss eine Behandlung deshalb auf die jeweilige Person und ihre Lebenssituation abgestimmt werden. Besonders spannend finde ich die Frage, was ich einem Menschen mitgeben kann, damit eine nachhaltige positive Veränderung in seinem Alltag gelingt.
Eines von mehreren grundlegenden Prinzipien ist für mich, einen persönlichen Zugang zu meinem Gegenüber zu finden. Ich kann der beste Therapeut der Welt sein – wenn ich den Menschen vor mir nicht erreiche, verläuft meine Therapie im Sand. Fachliches Wissen muss deshalb mit Vertrauen und einem Verständnis für die jeweilige Person zusammenkommen.
Im Hausbesuch-Setting erlebe ich bisher, dass dieser Zugang oft leichter gelingt, weil wir in einer vertrauten, sehr persönlichen Umgebung arbeiten. Dadurch lerne ich sowohl den Alltag als auch die Person auf unterschiedlichen Ebenen besser kennen. Auf dieser Grundlage lässt sich eine realistische Therapieplanung entwickeln, die im besten Fall von den Patientinnen und Patienten selbstständig im Alltag umgesetzt werden kann.
Wie stellst du dir deinen zukünftigen beruflichen Werdegang vor? Welche Karrierewege, Aufstiegschancen oder Berufsfelder würdest du in den nächsten Jahren gerne anstreben?
Anton: Langfristig strebe ich die vollständige Selbstständigkeit an. Dabei möchte ich mit einer möglichst vielfältigen Klientel arbeiten: mit jungen und älteren Menschen, mit und ohne gesundheitliche Einschränkungen. Für mich muss nicht erst eine Erkrankung vorliegen, damit eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Ich beobachte immer wieder, dass Menschen Einschränkungen im Laufe ihres Lebens als selbstverständlich hinnehmen und ihnen erst Aufmerksamkeit schenken, wenn daraus größere Beschwerden entstehen. Hier möchte ich ansetzen und Menschen dabei unterstützen, ihre körperlichen Möglichkeiten zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Fachlich möchte ich Physiotherapie und Training stärker miteinander verbinden. Demnächst beginne ich eine Weiterbildung zum Strength and Conditioning Coach. Außerdem beschäftige ich mich aktuell mit dem Fortbildungsangebot der IMTT im Bereich Triggerpunkt-Therapie und Dry Needling.
Ein weiteres Ziel sind eigene Räumlichkeiten, in denen ich eine intensive Eins-zu-eins-Betreuung anbieten kann. Parallel arbeite ich mit meinem ehemaligen Kommilitonen Samuel, einem meiner besten und engsten Freunde, an einem digitalen Projekt für Physiotherapie und Training. Damit möchten wir langfristig neue Möglichkeiten schaffen, die Arbeit von Therapeutinnen, Therapeuten und Trainern digital und nachhaltig zu unterstützen.
Bewerbungsverfahren sind immer aufregend. Wie hast du diese Phase direkt nach dem Studium in Erinnerung? Gab es besondere Herausforderungen?
Anton: Die Anerkennung meines in Deutschland erworbenen Bachelor-Abschlusses in Österreich erwies sich als langwieriger bürokratischer Prozess, der meinen Berufseinstieg zunächst erschwerte.
Unabhängig davon musste ich für mich erst herausfinden, in welchem Setting ich arbeiten möchte. Zum Hausbesuch-Setting bin ich dann eher zufällig gekommen. Rückblickend ist das etwas überraschend, denn aufgrund meiner Erfahrungen in Deutschland war es ursprünglich das einzige Setting, das ich für mich ausgeschlossen hatte.
Heute bin ich sehr glücklich, Teil dieses jungen Therapeutenteams zu sein. Die Stelle bietet mir zwei essenzielle Dinge: Zum einen finde ich hier einen für mich passenden Mittelweg zwischen dem Angestelltsein und einem hohen Maß an Eigenverantwortung sowie Freiheit bei der Gestaltung meines Arbeitsalltags. Zum anderen betreue ich eine sehr breit gefächerte Patientenklientel, die mir ermöglicht, viel Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Physiotherapie zu sammeln.
Was konntest du aus deinem Studium mitnehmen, das in der Arbeitswelt hilfreich ist?
Anton: Rückblickend habe ich das Gefühl, im Studium eine hochwertige und insgesamt sehr gute Ausbildung erhalten zu haben. Natürlich gibt es Inhalte, die ich aus heutiger Sicht anders gewichten oder strukturieren würde. Besonders wertvoll war für mich aber, selbstkritisch und reflektiert zu arbeiten: Informationen gezielt zu beschaffen, sie kritisch einzuordnen und auch das eigene Vorgehen immer wieder zu hinterfragen.
Das wissenschaftliche Arbeiten war ein wichtiger Schwerpunkt unseres Studiums. Darüber bin ich heute sehr froh, weil es mir eine Grundlage gegeben hat, praktische Erfahrung und wissenschaftliche Evidenz bewusst gegeneinander abzuwägen. Es hilft mir, meine therapeutischen Entscheidungen zu begründen und einzuschätzen, welche Aussagekraft die Informationen haben, auf die ich mich stütze.
Auch aus meinen Praktika konnte ich viel mitnehmen – fachlich ebenso wie auf menschlicher und zwischenmenschlicher Ebene. Dass wir unsere Praktikumsstellen weitgehend selbst auswählen konnten, empfand ich als großen Vorteil. Besonders wertvoll haben sich für mich im Nachhinein außerdem die Lehrveranstaltungen von Frau Maria Stadel/Schomberg erwiesen.
Was hat dein Studium an der SRH University besonders gemacht?
Anton: Besonders geprägt hat mich das überschaubare, fast schon familiäre Umfeld in unserem Kurs. Wir hatten einen engen Zusammenhalt und einen persönlichen Austausch, auch mit den Jahrgängen über und unter uns.
Wenn ich heute an meine Studienzeit zurückdenke, sind es vor allem die Menschen, die ich kennenlernen durfte, und unsere gemeinsamen Aktivitäten außerhalb der Hochschule, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Dazu kam das lebendige Studentenleben in Heidelberg. Die Stadt bietet viele Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen und die Freizeit zu gestalten – durch Sport, Vereine, Clubs und andere Angebote. Das hat die Studienzeit für mich auch außerhalb der Lehrveranstaltungen bereichert.
Unser Hochschulgebäude habe ich als angenehm und zeitgemäß erlebt. Außerdem gab es einige herausragende Professorinnen, Professoren und Dozierende, die ihre Lehrveranstaltungen besonders ansprechend gestaltet haben und deren Arbeit ich sehr geschätzt habe.
Welche Erfahrungen würdest du gerne Studierenden oder Young Alumni auf ihrem Weg mitgeben?
Anton: Für das Studium würde ich empfehlen, noch stärker den Austausch mit den Lehrenden zu suchen: Fragen zu stellen, Sichtweisen zu hinterfragen und gemeinsam über Inhalte zu diskutieren. Rückblickend hatte ich manchmal das Gefühl, dass dafür nicht genügend Raum war. Gerade diesen Diskurs halte ich aber für wertvoll – für Studierende ebenso wie für Lehrende.
Für den Berufseinstieg möchte ich mitgeben, dranzubleiben und auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Dazu gehört für mich auch, sich nicht ständig mit anderen Therapeutinnen und Therapeuten, Trainern, Influencern oder Content Creatorn zu vergleichen. Auf Social Media gibt es durchaus wertvolle fachliche Impulse. Gleichzeitig habe ich bei mir selbst und in meinem nahen Umfeld erlebt, wie schwierig es sein kann, diese Informationsflut zu sortieren und einzuordnen. Man fragt sich dann ständig, ob man gut genug ist, ob einem bestimmte Fähigkeiten fehlen oder ob man anders arbeiten müsste.
Dabei lässt sich längst nicht alles, was man sieht, selbst ausprobieren und auf seinen Nutzen prüfen. Wenn der Vergleich und das Aufnehmen neuer Informationen zu viel Raum einnehmen, kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren gehen – und das tatsächliche Arbeiten und Lernen aus eigener Erfahrung kommt zu kurz.
Mein Rat ist, sich zuzutrauen, ins Handeln zu kommen, Erfahrungen zu sammeln und das eigene Vorgehen zu reflektieren. Es muss nicht immer kompliziert sein.