

Darum geht’s im Interview:
Wie lassen sich psychologische Erkenntnisse in den Berufsalltag integrieren, um Führung und die Zusammenarbeit im Team zu verbessern oder die persönliche Entwicklung zu fördern? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Bettina Schleidt in ihrer Lehre an der SRH University sowie in einem neuen Fachbuch. In einem Interview haben wir mit ihr über angewandte Psychologie am Arbeitsplatz gesprochen.
Frau Prof. Dr. Schleidt, was hat Sie dazu motiviert, das Buch „Angewandte Psychologie am Arbeitsplatz“ zu schreiben – gab es eine Lücke, die Sie damit schließen wollten?
Bettina Schleidt: Ich bin überzeugt, dass psychologische Kompetenzen künftig genauso wichtig sein werden wie technisches Fachwissen. In klassischen MINT-Studiengängen oder Ingenieurstudiengängen werden psychologische Inhalte bislang meist gar nicht oder nur am Rande vermittelt. Absolvent:innen verfügen über exzellentes technisches Know-how, erhalten aber häufig keine systematische Ausbildung zu Themen wie Führung, Motivation, Kommunikation, Teamarbeit, Entscheidungsfindung oder Change Management. Dabei sind genau diese Kompetenzen im späteren Berufsalltag entscheidend.
Unternehmen investieren deshalb häufig erhebliche Ressourcen, um diese Fähigkeiten nachträglich durch Weiterbildungen oder Führungskräfteprogramme aufzubauen. Aus meiner Sicht wäre es wesentlich nachhaltiger, wenn psychologische Grundlagen bereits während des Studiums vermittelt würden. Denn technische Innovationen entstehen nicht isoliert – sie werden von Menschen entwickelt, in Teams umgesetzt und müssen von anderen Menschen akzeptiert und genutzt werden.
Deshalb setze ich mich dafür ein, wirtschafts- und arbeitspsychologische Kompetenzen stärker in technische Studiengänge zu integrieren. Wer Technik entwickelt, sollte auch verstehen, wie Menschen Entscheidungen treffen, wie Veränderungsprozesse gelingen und wie erfolgreiche Zusammenarbeit funktioniert. Genau diese Verbindung von Technik und Psychologie wird in Zukunft ein entscheidender Erfolgsfaktor für Unternehmen sein.
Welche Bedeutung hat die Wirtschaftspsychologie heute – insbesondere für Unternehmen und Führungskräfte – und welche Kompetenzen werden künftig besonders gefragt sein?
Bettina Schleidt: Die Wirtschaftspsychologie ist heute wichtiger denn je. Unternehmen stehen vor tiefgreifenden Veränderungen durch Digitalisierung, Fachkräftemangel, hybride Arbeitsformen und demografischen Wandel. Erfolgreiche Organisationen benötigen deshalb nicht nur technologische, sondern vor allem psychologische Kompetenz. Wirtschaftspsychologie hilft dabei, u.a. Mitarbeitende zu motivieren, Veränderungsprozesse erfolgreich zu gestalten, Führung wirksam auszurichten und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zu schaffen.
Gleichzeitig führen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung und globale Zusammenarbeit dazu, dass sich die Anforderungen an Beschäftigte und letztlich ganze Berufsbilder kontinuierlich weiterentwickeln und verändern. Was wir heute als Future Skills bezeichnen, ist aber mehr als die Erweiterung eines bestehenden Kompetenzkatalogs.
Kompetenzen verändern sich vielmehr fortlaufend mit den technologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Fachwissen bleibt wichtig, lebenslanges Lernen auch. Gefragt sind zunehmend aber auch Fähigkeiten wie z. B. kritisches Denken, Entscheidungen treffen zu können unter Unsicherheit, Anpassungsfähigkeit, die klassisch anmutende Kommunikations- und Kooperationskompetenz, Selbstregulation oder der reflektierte und kritische Umgang mit neuen Technologien.
Welche Inhalte aus Ihrem Buch finden sich auch in Ihrer Lehre an der SRH University wieder?
Bettina Schleidt: Viele Themen des Buches sind fester Bestandteil meiner Lehrveranstaltungen, etwa Personalentwicklung, Coaching, (Personal-)Führung, Zusammenarbeit im Team, Organisationsentwicklung oder Change-Management. Besonders wichtig ist mir dabei, dass Studierende die Inhalte nicht nur theoretisch verstehen, sondern sie anhand realer Fallbeispiele, Projekte und Diskussionen kritisch reflektieren und anwenden können – auch unter Einsatz von KI, aber vor allem auch mittels des Einsatzes des GMV (gesunder Menschenverstand ;-)).
Wie profitieren Ihre Studierenden davon, dass Sie aktuelle Forschung und Praxis direkt in die Lehrveranstaltungen einbringen?
Bettina Schleidt: Studierende erhalten Einblicke in aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen und lernen gleichzeitig, wie diese in Unternehmen umgesetzt werden. Dadurch entwickeln sie ein tieferes Verständnis für komplexe Fragestellungen und erwerben Kompetenzen, die sie unmittelbar in ihrer späteren beruflichen Praxis einsetzen können.
Diese Ausrichtung hat auch einen persönlichen Hintergrund. Als ich selbst studiert habe, verfügte ich nach meinem Universitätsabschluss über ein solides theoretisches Fundament. Ich kannte Modelle, Theorien und wissenschaftliche Konzepte – aber wie sich dieses Wissen konkret in Unternehmen anwenden lässt, musste ich mir erst im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit erarbeiten. Mir fehlte damals der systematische Transfer von der Wissenschaft in die Praxis.
Genau deshalb legen wir heute in unserem Studiengang großen Wert darauf, dass unsere Studierenden beides entwickeln: ein fundiertes wissenschaftliches Verständnis und die Fähigkeit, psychologische Erkenntnisse auf reale Fragestellungen anzuwenden. Durch Praxisprojekte, Fallstudien, Unternehmenskooperationen und anwendungsorientierte Lehrformate lernen sie schon während des Studiums, wissenschaftliches Wissen in konkretes berufliches Handeln zu übersetzen.
Welche Chancen sehen Sie für zukünftige Ingenieur:innen sowie andere technische Fachkräfte darin, psychologische Kenntnisse ins Studium zu integrieren?
Bettina Schleidt: Sie werden auch weiterhin in interdisziplinären Teams und unter komplexen Bedingungen arbeiten und neben technischem Fachwissen auch Führungs-, Kommunikations- oder Projektkompetenzen benötigen. Wer psychologische Zusammenhänge versteht und einzusetzen vermag, kann Teams erfolgreicher führen, Konflikte konstruktiv lösen, Veränderungen begleiten und Innovationen stärker an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten. Das schafft beispielsweise einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Aus meiner Sicht besteht das Ziel eines Studiums außerdem nicht nur darin, Expert:innen für ein Fachgebiet auszubilden. Es geht vielmehr darum, Menschen zu befähigen, ihr Wissen verantwortungsvoll anzuwenden, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, gesund und leistungsfähig zu bleiben und die Arbeitswelt aktiv mitzugestalten. Genau dazu kann die Wirtschaftspsychologie einen entscheidenden Beitrag leisten.
Was fasziniert Sie persönlich an der Wirtschaftspsychologie bis heute?
Bettina Schleidt: Mich fasziniert die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und unmittelbarer persönlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Wirtschaftspsychologie ermöglicht es, menschliches Verhalten besser zu verstehen und gleichzeitig konkrete Lösungen für Unternehmen und Beschäftigte zu entwickeln. Besonders spannend finde ich, dass sich das Fach kontinuierlich weiterentwickelt.
Und warum würden Sie Studieninteressierten empfehlen, sich mit diesem Fachgebiet auseinanderzusetzen?
Bettina Schleidt: Weil Wirtschaftspsychologie hervorragende Zukunftsperspektiven bietet und ein sehr vielseitiges Fach ist. Wer sich für Menschen, Organisationen und wirtschaftliche Fragestellungen interessiert, findet hier die Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Gestaltung zu verbinden. Absolvent:innen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Arbeitswelten erfolgreicher, gesünder und menschenorientierter zu gestalten.
Vielen Dank für das Interview!